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Barrierefreiheit im Wald

Es gibt keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass Menschen mit Behinderung Wald zur Erholungsnutzung weniger schätzen als Menschen ohne Behinderung. Eine Studie des BMWI (2003) macht etwa deutlich, dass Naturerleben beispielsweise für behinderte Menschen ein zentrales Reisemotiv darstellt. Viele behinderte Menschen wünschen sich (mehr) Möglichkeiten Zugang zu Wald bzw. der Naturlandschaft zur Erholungs- und Freizeitnutzung zu erhalten (Burns et al. 2008; Lundell 2005). Bisher besteht ein Mangel an entsprechenden Möglichkeiten (ebd.). Wie insgesamt über alle gesellschaftlichen Gruppen hinweg, sind auch die Wünsche nach Freizeit- und Erholungsaktivitäten von behinderten Menschen sehr unterschiedlich.
Es werden verschiedene Barrieren genannt, welche es Menschen mit Behinderung erschweren oder unmöglich machen den Wald zu nutzen. Diese Barrieren sind größtenteils externen Faktoren zuzuschreiben (Burns et al. 2008). Wichtige Aspekte sind hierbei die Erreichbarkeit von Wäldern, die Zugänglichkeit in den Wäldern (z. B. Wegebeschaffenheit, Schranken) und insbesondere der Mangel an Informationen zu den genannten Aspekten (Rittel et al. (2014); BKB 2010; Burns et al. 2008; NatKo 2007). Barrierefreiheit im Wald kann eine wichtige Rolle für die Sozialintegration sowie für den Naturschutz spielen (Rittel et al. 2014; BKB 2010; Nicolè & Seeland 1999). Beispielsweise wiesen Nicolé & Seeland (199) in einer empirischen Untersuchungen in verschiedenen Naturräumen in Deutschland und der Schweiz nach, dass „Ein guter Zugang zu den Pflanzen und Erholungseinrichtungen und eine entsprechende Nutzungsplanung, insbesondere für blinde oder auf einen Rollstuhl angewiesene Menschen, erweisen sich als grundlegend und wichtig, um als Grünräume integrative Wirkungen zu haben“. Insbesondere die Möglichkeit Natur mit allen Sinnen zu erfahren ist dabei ein wichtiger Aspekt. Um diese Wirkungen zu realisieren ist jedoch eine besondere Planung notwendig, u.a. bezüglich Informationskonzepten und Infrastruktur. Sozialintegrative Wirkung kann dann erreicht werden, wenn behinderte und nicht behinderte Menschen untereinander in den Naturräumen verständigen und selbständig einen persönlichen Raum darin aufbauen können. So ist es möglich „in gestalteten Naturraumen wie Parks und Wäldern einen Austausch zwischen Personen aufgrund von Erlebnis Qualitäten zu fordern, die sehr verschieden hinsichtlich ihrer persönlichen, sinnlichen, physischen und psychischen Fähigkeiten sind. Das bringt einen gegenseitigen Lernprozess mit sich, der das Wesentliche eines jeden integrativen Prozesses ist“ (ebd.).
Zudem wird in dem Aus- und Umbau barrierefreier (touristischer) Angebote in der Natur ein bedeutendes ökonomisches Potenzial von der Tourismusbranche gesehen (BKB 2010; BfN 2009; Lundell 2005; BMWA 2003).
Im Allgemeinen wird anerkannt, dass Natur nicht vollständig barrierefrei gestaltet werden kann und soll (BKB 2010; NatKo 2007). Zumindest in manchen Bereichen aber sollte bei der Planung von Angeboten die Belange von verschiedenen Behinderungen berücksichtigt werden.
In der Bundesrepublik scheint bisher wenig Augenmerk auf der Verbesserung der alltäglichen Erholung in der Natur zu liegen, obwohl diese ein wichtiger Bestandteil für die Erholung der Bevölkerung ist (BKB 2010; BfN 2009; NatKo 2007; BMWA 2003).
Nach § 37 (1) Landeswaldgesetz BW gilt ein allgemeines Betretungsrecht für den Wald. Dies ist jedoch für Menschen, welche auf die Nutzung eines Rollstuhls angewiesen sind, auf Waldstraßen und „hierfür geeignete Wege“ beschränkt(§ 37 (3) LWaldG). Somit wird Rollstuhlfahren gleichgesetzt mit Sportarten wie Radfahren und Reiten. Dementgegen stehen das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen, das Konzept des Landes-Behindertenbeirat Baden-Württemberg (2012) zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention sowie der Koalitionsvertrag der aktuellen Landesregierung. So dürfen Träger öffentlicher Belange behinderte Menschen nicht benachteiligen (§7,8 Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen) und barrierefreie Nutzung von Naturparks und Wanderwegen sind Bestandteil der o.g. Gesetze, Richtlinien und Selbstverpflichtungen.
Für die Nutzung von Waldwegen bzw. Staatswäldern für Menschen mit Behinderung werden keine gesonderten Informationen auf der Homepage von ForstBW angeboten. Dies steht im Widerspruch z. B. zur Informationsmöglichkeit für verschiedene Sportarten (etwa Mountainbiken, Reiten, Segway). Es gibt lediglich den Hinweis, dass einige Waldlehrpfade barrierefrei gestaltet sind. Jedoch fehlt jegliche Information darüber.
Diese Situation stellt sich in der Mehrheit der deutschen Landesforstverwaltungen ähnlich dar. Manche europäischen Länder (z. B. Schweden, Groß-Britannien) hingegen haben spezielle Konzepte und Maßnahmen entwickelt.
Für ein umfassendes Konzept zur Barrierefreiheit ist die Berücksichtigung aller Arten von Behinderung - und dementsprechenden unterschiedlichen Bedürfnissen - unbedingt erforderlich. Hierbei spielt auch der demographische Wandel eine wichtige Rolle, da die zunehmende Alterung der Gesellschaft neue Herausforderungen und Ansprüche an die Gestaltung von Erholungsräumen stellt (z. B. Rittel et al. 2014). Diese Vielfalt an Bedürfnissen macht zunächst eine Fokussierung auf eine Form von Behinderung notwendig. In diesem Projekt wird daher der Fokus auf Menschen mit Mobilitätseinschränkung gelegt.
In dem Projekt wird ein Konzept zur barrierefreien Waldbesuch für Menschen mit Mobilitätseinschränkung entwickelt.
Die Ansprüche an Barrierefreiheit werden erhoben und mit bestehenden Infrastrukturen von ForstBW in Beziehung gesetzt. Prioritäre und praktikable Umsetzungsziele auf lokaler Ebene werden definiert. Anhand zweier Modellprojekte werden diese erprobt und Kriterien für die Forstpraxis zur barrierefreien Gestaltung der Walderholung festgelegt.

Beginn: 2016 - Ende: 2018
Leitung: Wurster - Abteilung: Wald und Gesellschaft
Beteiligte Abteilungen:
Arbeitsbereich: Erholung und Tourismus im Wald
Forschungsschwerpunkt: ohne Schwerpunkt



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