Forschung & Praxis

Als wissenschaftlicher Beirat begleitet die FVA das Projekt "Durchführung von Herdenschutzmaßnahmen in der Weidetierhaltung in Baden-Württemberg" von NABU und Landesschafzuchtverband. Es ist aufgeteilt in Projektphase 1 (2015 – 2017) und Projektphase 2 (2018 – 2020).

In der ersten Projektphase konnte ein Flyer zum Vorgehen beim Fund von Nutztierrissen erstellt werden.

Die Abschlussberichte und Broschüre zum Projekt finden Sie auf der Seite des Landesschafzuchtverbandes und auf der Seite des NABU.

Flyer Zum Vorgehen beim Fund von Nutztierrissen (PDF)

„Studie zum Verhalten von Wölfen gegenüber Zäunen in der Landwirtschaft“

2015 wurde von der Schweizerischen landwirtschaftlichen Beratungszentrale AGRIDEA im Bereich Herdenschutz ein Pilotprojekt initiiert. Das Ziel stellt die Erforschung des „Verhalten von Wölfen gegenüber Zäunen in der Landwirtschaft“ dar. Als Kooperationspartner haben wir die Projektdurchführung unterstützt und das Ministerium für Ländlichen Raum hat als Projektträger finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt.

2017 wurde mit den Erkenntnissen aus der Pilotstudie eine Folgestudie durchgeführt. Weiterhin konnte die FVA als Kooperationspartner die Projektdurchführung durch wissenschaftliche Mitarbeit, Bereitstellung von technischem Equipment und Betreung einer Masterarbeitsstudentin unterstützen. Das Umweltministerium Baden-Württemberg sowie das Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Hessen haben das Projekt als Träger finanziell unterstützt. Die Erkenntnis aus der ersten Projektphase, dass die untersuchten Wölfe den Zaun nicht durch Springen überwinden, konnte in der zweiten Projektlaufzeit bestätigt werden. Passagen fanden an einer untergrabenen Stelle statt, unter einer nicht stromführenden Litze. Mit dem Strom auf der Litze im Folgeversuch fanden keine weiteren Untergrabungen an der Stelle statt, die versuchten Unterquerungen wurden abgebrochen. Dadurch wird gezeigt, welche wichtige Rolle die Elektrifizierung des Zaunes einnimmt.

Netze wurden nicht untergraben.

Trotz Fastentagen und einem Futterangebot hinter dem Zaun nahm das Interesse an den Zäunen und dem dahinterliegenden Fleisch mit jedem Tag ab.
Dies kann so interpretiert werden, dass die Wölfe, wenn sich kein Erfolg einstellt, das Interesse an einem Zaun und dem dahinterliegenden Reiz verlieren. Dadurch wird die Annahme unterstrichen, dass ein sachgerecht installierter Herdenschutz dauerhaften Erfolg bieten kann.

Ausführliche Infromationen und Details zu der umfassenden Studie finden Sie an mehreren Stellen:

  • Die Ergebnisse des Projektes werden in einer Masterarbeit von einer Studentin des Studiengangs „Wildtierökologie und –management“ der Universität für Bodenkultur Wien ausgewertet und präsentiert.
  • AGRIDEA hat einen Abschlussbericht erstellt, der auf der Webseite eingesehen werden kann

Die Rückkehr Großer Beutegreifer in die dicht besiedelte Kulturlandschaft Mitteleuropas stellt eine große Herausforderung für das Wildtiermanagement dar. Vor allem beim Aufbau neuer Populationen über Zuwanderung oder aktive Wiederansiedelung spielen anthropogen bedingte Mortalitätsfaktoren wie z.B. Wildunfälle oder illegale Abschüsse eine große Rolle. In dieser interdisziplinär angelegten Arbeit wurde untersucht, welches die Schlüsselfaktoren für ein langfristig erfolgreiches Management des Luchses (Lynx lynx) in der Kulturlandschaft Mitteleuropas sind. Naturwissenschaftliche Analysen wurden am Beispiel des Luchserwartungslandes Baden-Württemberg (BW) und der grenznahen Luchspopulation im Schweizer Jura durchgeführt. Sozialwissenschaftliche Analysen bezogen sich auf ganz Deutschland. Durch eine logistische Regression mit Telemetriedaten aus der Schweiz, konnten elf habitatbezogene Variablen identifiziert werden, die einen signifikanten Einfluss auf die bevorzugte Raumnutzung der Tiere haben.

Neben der Hangneigung und der anthropogenen Landnutzung leisten insbesondere die Exposition sowie der Abstand zu Straßen einen besonders wichtigen Erklärungsbeitrag. Die Übertragung der Ergebnisse auf BW ergab, dass 10% der Landesfläche mit den geeigneten Flächen im Schweizer Jura vergleichbar sind, die Raum für über 100 residente Tiere bieten. Schwerpunkte liegen im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb. Zur Untersuchung des Risikopotentials von Straßenabschnitten wurde die Lage von 39 Verkehrskollisionen mit Luchsen in der Schweiz mittels einer logistischen Regression ausgewertet. Signifikante Erklärungsbeiträge lieferten die Straßenkategorie, die Habitateignung für Luchse im Umfeld von 400 Metern sowie die Distanz des Straßenabschnittes zu Siedlungen. Aufbauend auf diesen erarbeiteten Grundlagen wurden anhand eines räumlich expliziten, individuenbasierten Populationsmodells für BW die Wahrscheinlichkeit einer Besiedlung durch natürliche Zuwanderung unter verschiedenen Annahmen der illegalen Mortalität von Luchsen simuliert. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich durch natürliche Zuwanderung aus dem Schweizer Jura in den nächsten 50 Jahren eine Population in BW etabliert, lag unter der Annahme einer moderaten illegalen Mortalität bei 36%. Unter der Annahme einer vierfach erhöhten illegalen Mortalität lag sie bei 1,5%.

In weiteren Szenarien wurde für eine potentiell etablierte Population in BW untersucht, wie sich die Reduktion der illegalen Mortalität auf die Überlebensfähigkeit der Population auswirkt. Es zeigten sich signifikante Unterschiede in Abhängigkeit der Raumkulisse auf der die Reduktion stattfand. Die höchste Überlebensrate wurde bei Reduktion der illegalen Mortalität in Regionen erreicht, die eine besonders hohe Habitateignung aufwiesen bzw. häufig von Modell-Luchsen frequentiert wurden. Für die sozialwissenschaftliche Analyse der Hintergründe illegaler Abschüsse von Luchsen durch einzelne Jäger in Deutschland wurde auf ein Erklärungsmodell aus der Rechtssoziologie zurückgegriffen, welches die Bereitschaft zu illegalen Handlungen in Abhängigkeit von verschiedenen handlungsrelevanten Variablen beschreibt. Die postulierten Zusammenhänge wurden unter Berücksichtigung der Theorie des rationalen Handelns auf den Fall des illegalen Abschusses eines Luchses auf Plausibilität geprüft und das Modell durch zusätzliche Variablen ergänzt. Grundlage hierfür lieferten eine Literaturanalyse und Presserecherche sowie eigene Beobachtungen des Autors aus der Zusammenarbeit mit den betroffenen Akteuren aus Jagd, Landwirtschaft und Naturschutz. Anhand der Analyse konnte ein komplexes Wirkungsgefüge aufgezeigt werden. Als besonders relevant für die Reduktion der Bereitschaft zu illegalen Abschüssen wurden als sog. Entwicklungsvariablen der Grad der normativen Abweichung der Eigengruppe der Jäger, die Luchsdichte, die Wertschätzung der Beutegreifer durch die Jäger, die von den Jägern perzipierte Kompetenz des Gesetzgebers, der Handlungsspielraum der Jagd, die gesellschaftliche Wertschätzung der Jagd, die Qualität der Gruppeninteraktion zwischen Jagd und Naturschutz sowie die wildbiologische Fachkenntnis von Jägern und Naturschützern identifiziert.

Die Zusammenführung der natur- und sozialwissenschaftlichen Analysen zeigte die hohe Relevanz des gewählten interdisziplinären Forschungsansatzes für die Sicherung der Überlebensfähigkeit einer Luchspopulation auf. Einerseits kann auf Grundlage der Habitateignung und des Populationsmodells die Priorisierung von Flächen vorgenommen werden, welche für die Überlebensfähigkeit der Luchse von besonderer Relevanz sind. Andererseits können anhand der Entwicklungsvariablen konkrete Maßnahmen definiert werden, durch welche die Bereitschaft zum illegalen Abschuss reduziert werden kann. Dadurch ist eine ökologische und ökonomische Optimierung des Luchsmanagement möglich, die auch im Vorfeld einer aktiven Wiederansiedlung von Bedeutung ist, um die Chance auf Erfolg der Ansiedlung zu erhöhen.

Hier geht’s zur Forschungsarbeit: Natur- und sozialwissenschaftliche Analysen anthropogen bedingter Mortalitätsfaktoren und deren Einfluss auf die Überlebenswahrscheinlichkeit des Luchses (Lynx lynx)

Die Populationen und Verbreitungsgebiete großer Beutegreifer in Europa nehmen während der letzten Jahre stetig zu. Während dies von vielen Gesellschaftsmitgliedern als bedeutender Erfolg in Sachen Artenschutz und Erhöhung der Biodiversität betrachtet wird, führt das Auftreten der Tiere jedoch auch regelmäßig zu Konflikten zwischen Naturschutzvertretern und Befürwortern großer Beutegreifer einerseits sowie Jägern und Landwirten andererseits. Letztere befürchten persönliche Nachteile durch die Anwesenheit der Prädatoren. Die Regelung dieser Konflikte zählt zu den größten Herausforderungen für ein erfolgreiches Prädatorenmanagement. Sie erfordert jedoch das Verständnis sozialwissenschaftlicher Faktoren, welche, im Gegensatz zu wildbiologischen Fragestellungen, in der bisherigen Forschung zu Konflikten um große Beutegreifer wenig Berücksichtigung finden.

Mit Methoden der qualitativen Sozialforschung untersucht die vorliegende Arbeit am Beispiel des Luchskonfliktes in Baden-Württemberg, wie sich die Sichtweisen der beiden betroffenen Bevölkerungsgruppen, Jäger und Landwirte, in Bezug auf die Rückkehr der Raubkatze konstituieren und begründen. Dafür wurden in verschiedenen Regionen Baden Württembergs Gruppendiskussionen mit Jägern und Landwirten zum Thema Luchs durchgeführt. Die Auswertung der Daten erfolgte mithilfe von Grounded Theory und dokumentarischer Methode. Zur Interpretation der Daten wurden Konflikt- und Interaktionstheorien hinzugezogen.

Ergebnis der vorliegenden Arbeit ist, dass der Konflikt um den Luchs vordergründig nicht durch das Tier und dessen Verhalten begründet ist, sondern vielmehr durch die Interaktion der beteiligten Interessensgruppen in Bezug auf den Luchs. Die Interaktion der Akteure beeinflusst deren Haltung gegenüber der Rückkehr des Luchses und führt dazu, dass diesem eine symbolische Bedeutung beigemessen wird: seine An- oder Abwesenheit wird letztendlich als Zeichen dafür betrachtet, welcher Akteursgruppe es gelingt, die eigenen Interessen und Wertevorstellungen auf Kosten der anderen Akteursgruppen durchzusetzen. Der Luchskonflikt selbst ist dabei nur Ausschnitt eines übergeordneten Gruppenkonfliktes um die Definition gesellschaftlicher Werte. Dies wird von den Beteiligten implizit als Bedrohung spezifischer Gruppenmerkmale und Orientierungen wahrgenommen. Auf Seiten der Betroffenen führt diese Wahrnehmung zu Opposition gegen die Interessen und Aktionen der Luchsbefürworter sowie zu Prozessen der Gruppendifferenzierung. Der Vergleich mit anderen Beispielen von Konflikten um große Beutegreifer legt nahe, dass diese Mechanismen auch in diesen Fällen eine zentrale Rolle spielen.

Um Prädatorenkonflikte konstruktiv zu regeln und inhaltlich tragfähige Lösungen zu erzielen, ist daher die Herstellung konstruktiver Interaktion und Kommunikation zwischen den beteiligten Akteuren sowie die Einbeziehung der Betroffenen in das Management großer Beutegreifer ein zukunftsweisender Ansatz.

Hier geht’s zur Forschungsarbeit: Bewertung von Bestrebungen zum Schutz großer Beutegreifer durch betroffene Bevölkerungsgruppen am Beispiel des Luchses

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