FVA-Meldung
"Der Austausch mit der Forstpraxis ist unverzichtbar"
FVA BW/Schmitt
Leitungswechsel in der Abteilung Waldwachstum an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg: Prof. Dr. Ulrich Kohnle verabschiedet sich nach 25 Jahren an der FVA in den Ruhestand. PD Dr. Axel Albrecht ist seit 2005 an der FVA und übernimmt nun die Abteilungsleitung.
Herr Albrecht, Sie brennen seit Langem für die Waldwachstumskunde – welche Themen stehen im Moment im Fokus und welche sind im Kommen?
Albrecht: Aktuell stehen Wachstumstrends und die gesamte Eignung von Baumarten im Klimawandel im Fokus. Wir lernen derzeit, dass das Überleben von Bäumen und Baumarten von deutlich grundlegenderer Bedeutung ist, als eine feinformatige Untersuchung bestimmter Nuancen der Wachstumsgeschwindigkeit.
In der Zukunft rechne ich damit, dass die messtechnischen Neuerungen wie Laserscanning, Drohnen und Co. für die Abteilung Waldwachstum noch wichtiger werden. Die Themen Wachstumsgeschwindigkeit, Kohlenstoffbindung und Erzeugung von Holzprodukten werden aber weiterhin nicht an Bedeutung verlieren.
Herr Kohnle, Sie haben die Abteilung Waldwachstum in den vergangenen 22 Jahren geleitet. Wenn Sie zurückblicken: Welche Ereignisse und Entwicklungen fallen Ihnen als die eindrücklichsten sofort ein?
Kohnle: Da gibt es jede Menge! Wenn ich mich kurzfassen muss, dann zählen die Aus- und Nachwirkungen des Lothar-Sturms am Zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 dazu und der rasante Klimawandel – leicht zu erkennen an der zunehmenden Häufung von recht extremen Dürrejahren.
In der Zeit haben wir gesehen, dass sich die Wahrnehmung von Waldbewirtschaftung in der Bevölkerung geändert hat: Die Bereitstellung des CO2-neutralen Rohstoffes Holz und der Wald als Einkommensquelle für Waldbesitzende, diese Bedeutung ist in der öffentlichen Wahrnehmung rückläufig. Zunehmend ist aber die romantisierende Vorstellung, Wälder, die sich selbst überlassen werden, würden sich umgehend zu Urwäldern entwickeln und könnten dadurch die Ansprüche der Gesellschaft an den Wald trotzdem ideal erfüllen.
Eindrücklich war auch die Integration der Forstverwaltung in die allgemeine Verwaltung – vor allem, weil damit eine Kürzung von 20 Prozent der Stellen im Forstbereich verbunden war.
Welche Rolle spielt für Sie der direkte Austausch mit den Forstpraktikerinnen und -praktikern auf der Fläche?
Albrecht: Der Austausch mit der Forstpraxis ist natürlich ganz grundlegend. Denn unsere Aufgabe ist es ja, Forstbetrieben und -verwaltungen relevante Entscheidungshilfen an die Hand zu geben. Und das geht nur, wenn man sich intensiv austauscht und ähnliche Sprachen spricht. Zum Beispiel haben wir uns in einer Praxistestphase intensiv mit Forstleuten im Land über das Tool "AltBA" ausgetauscht, bevor es veröffentlicht wurde. Darin wird die abiotische Stabilität für Alternativbaumarten eingeschätzt – eine Grundlage für die Anbauempfehlung und Anbauentscheidung.
Kohnle: Außerdem wirken Konzepte und Vorstellungen zur Waldentwicklung erst dann, wenn sie tatsächlich jemand mit der Hand am Arm im Wald umsetzt! Ohne die Leute in der Forstpraxis – und das meine ich in einem sehr weiten Sinn – geht das nicht. Deshalb: Der konstruktive Austausch und Kontakt mit der Praxis ist für eine Einrichtung wie die FVA absolut unverzichtbar.
Albrecht: Abgesehen davon bin ich natürlich auch froh, selbst Forstpraktiker zu sein. Aber nur privat, am Wochenende.
Sind bereits weitere Tools für die Praxis in Planung?
Albrecht: Wir sind dabei, Bestehendes weiterzuentwickeln: Unsere Praxis-Schätzhilfen für Wachstums-trends sind etwas in die Jahre gekommen und berücksichtigen die umweltbedingten Veränderungen der letzten Jahre noch nicht ausreichend. Hier sollten wir neue Informationen zusammenstellen.
Und die Eignungseinstufung von Baumarten umfasst viel zu viele Aspekte noch nicht: Veränderungen der Konkurrenzverhältnisse zwischen Baumarten, neue Schaderreger, Resilienz und, und, und. Außerdem ist die räumliche Auflösung einiger Karten noch nicht ausreichend fein für die praktischen Bedürfnisse. Und zusätzlich sind auch noch viele Flächen nicht kartiert… und dann muss die Benutzungsfreundlichkeit dringend verbessert werden. Es gibt also wie immer viel zu tun und uns gehen die Ideen nicht aus!
Herr Kohnle, welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
Kohnle: Meinen Nachfolger kenne und schätze ich schon lange. Wir arbeiten nämlich seit fast zwei Jahrzehnten zusammen. Ich bin daher sicher, dass er an dieser Stelle für seinen Weg mit der Abteilung Waldwachstum von mir keinen besonderen Rat braucht. Was ich sehr hoffe ist, dass für ihn die Arbeit an der Abteilung zusammen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso viel Freude und Befriedigung bereit hält, wie das bei mir der Fall war. Eine Tatsche, die ich immer als besonderes Privileg empfunden habe.
Zur Person
Christian Hanner
PD Dr. Axel Albrecht
Christian Hanner
Prof. Dr. Ulrich Kohnle
PD Dr. Axel Albrecht ist seit 2005 Teil der FVA und seit 2014 Mitarbeiter im Arbeitsbereich "Klimafolgenforschung" der Abteilung Waldwachstum. Mit Jahresbeginn 2026 übernahm er von Prof. Dr. Ulrich Kohnle die Leitung der Abteilung. Er hat Forstwissenschaften in Göttingen und Nancy studiert und zum Thema Sturmschäden in Wäldern promoviert. 2021 hat er sich an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg habilitiert.
Prof. Dr. Ulrich Kohnle kam 2001 an die FVA. Er leitete die Abteilung Waldwachstum seit 2001 und war zudem Professor für Forstentomologie und Waldschutz an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Der Forstwissenschaftler hat in Freiburg studiert, über zehn Jahre in der Forstverwaltung gearbeitet und befasste sich an der FVA vor allem mit Wachstum, Steuerung, Entwicklung und Stabilisierung von Wäldern – von Risiken, beispielsweise durch Borkenkäfer und/oder Sturm, über die Eignung von Baumarten insbesondere im Klimawandel bis hin zur Wirkung der Durchforstung bei der Entwicklung von Mischwäldern.
Weitere Informationen
- FVA-Abteilung Waldwachstum
- Episode "Tun oder nichts tun, das ist hier die Frage – Klimaanpassung von Wäldern" mit PD Dr. Axel Albrecht (Podcast "astrein –Wald. Mensch. Wissen")
- Episode "Es hat sich wahnsinnig viel verändert" mit Prof. Dr. Ulrich Kohnle (Podcast "astrein – Wald. Mensch. Wissen")
- AltBA: Geoportal bietet Infos zu Alternativbaumarten
- Baumbach, L., Kühl, N., Falk, W., Frischbier, N., Fritz, E., Gemballa, R., Hamkens, H., Reiter, P., Schröder, J., Thurm, E.A., A., W., Albrecht, A., 2025. Synopse von Bundesländerverfahren zur Beurteilung der forstlichen Baumarteneignung im Klimawandel. WLN, S. 5–24.