Instrument zur Erstellung eines bundesweiten Wildunfallscreenings (WILUS)
Toter Damhirsch durch Verkehrsunfall. (Bild: FVA BW/Deis)
Wildunfälle resultieren zu 99% in Verkehrsunfällen mit Sachschäden (ohne Personenschäden) und fallen damit selten in den Fokus von Unfallkommissionen. Bisher sind geeignete Präventionsmaßnahmen kaum vorhanden und das Wissen zu einzelnen Maßnahmen ist widersprüchlich. Für eine wissenschaftliche Einschätzung ist eine gesamtheitliche Betrachtung mit möglichst vielen wildunfall-, umfeld-, straßen- und verkehrsrelevanten Informationen notwendig, um die Faktoren, die dazu führen, dass Wildunfälle entstehen, zu identifizieren und geeignete Präventionsmaßnahmen entwickeln zu können. Ziel des Projektes war neben der Entwicklung eines digitalen Instruments zur Erstellung eines bundesweiten Wildunfallscreenings Faktoren zu identifizieren, die Einfluss auf die Bildung von Wildunfallstrecken haben. Ein drittes Ziel war die Ergänzung des webbasierten Maßnahmenkataloges gegen Unfallhäufungen (MaKaU) mit Maßnahmen der Wildunfallprävention, mit denen Unfallkommissionen zukünftig unterstützt werden, Wildunfälle zielgerichtet zu reduzieren.
Projektinformationen
Der Projektbericht (FE 03.0610/2021/FRB) befindet sich im Veröffentlichungsprozess.
Eine Veröffentlichung zu den Wildunfallfaktoren erschien in Straßenverkehrstechnik, Heft 02/2026, Kirschbaumverlag.
Das Projekt wurde in Kooperation mit DTV Verkehrsconsult GmbH durchgeführt und durch die Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt) finanziert.
Ergebnisse
Im Rahmen des Projektes wurde eine Online-Plattform entwickelt und mit einer Datenbank hinterlegt, um Wildunfallstrecken und wildunfallrelevanten Umfelddaten sowie Charakteristika der Straßeninfrastruktur gebündelt sammeln und verorten zu können. Hauptaugenmerk lag hierbei auf den sogenannten Wildunfallstrecken (aus den Jahren 2012 bis 2017, sowie für Baden-Württemberg aus den Jahren 2021 und 2022). Diese Strecken sind definiert als Straßenabschnitte auf denen sich lokal besonders viele Wildunfälle ereignen. Aktuelle Daten zu Straßengrundlagen, Verkehrsmengen, Geschwindigkeitsbeschränkungen und gefahrenen Geschwindigkeiten, Querungshilfen, Wildschutzzäunen und Beton- und Lärmschutzwänden wurden aufbereitet und verortet. Diese Daten dienten als Grundlage zur Analyse von Faktoren mit Einfluss auf die Entstehung von Wildunfallstrecken. Die Analyse der Faktoren mit potenziellem Einfluss auf die Entstehung von Wildunfallstrecken wurde mit 727 Wildunfallstrecken durchgeführt. Vor allem die Straßengradiente, die Heterogenitätsratio zwischen beiden Straßenseiten und der durchschnittliche tägliche Verkehr stellten sich als die einflussreichsten, unfallbegünstigenden Variablen heraus.
Ein detaillierter Blick auf die durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit zur Bildung einer Wildunfallstrecke bei einer niedrigen DTV gering ist, aber bis zu einer DTV von ca. 7.500 Kfz pro Tag ansteigt. Anschließend sinkt die Wahrscheinlichkeit mit steigender DTV leicht und bleibt ab einer DTV von ca. 13.000 Fahrzeugen pro Tag mit ungefähr 70 % konstant hoch. Dieses Resultat gibt einen schon in der wissenschaftlichen Literatur häufig beschriebenen Zusammenhang wieder, der zum einen den Barriereeffekt der Fahrzeuge auf Wildtiere beinhaltet und zum anderen die Gefahr, dass ein querendes Wildtier mit einem Auto zusammentrifft (Seiler 2005). Eine niedrige DTV entfaltet keine starke Barrierewirkung auf Wildtiere, weshalb häufiger Wildtiere Straßen queren. Das hohe Wildunfallrisiko um den Wert 7.500 Kfz pro Tag beschreibt den Punkt, an dem noch viele Wildtiere die Straße queren, da noch keine vollständige Barrierewirkung von den Fahrzeugen ausgeht, viele Tiere aber schon aufgrund der hohen Verkehrsdichte durch Fahrzeuge erfasst werden. Je höher der DTV Wert danach steigt, desto stärker ist der Barriereeffekt und desto weniger Tiere queren die Straßen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein querendes Tier mit einem sich annähernden Auto zusammentrifft, steigt jedoch stetig an, was das Risiko auf einem konstant hohen Niveau hält.
Im Rahmen einer national und international angelegten Literaturrecherche wurden Ergebnisse zu Wildunfallpräventionsmaßnahmen für mittelgroßen bis großen mobile Wildtiere zusammengetragen. Es ergaben sich insgesamt 45 Wildunfallpräventionsmaßnahmen, die zusammengestellt und in Steckbriefen festgehalten wurden. Diese mündete in einem Maßnahmenkatalog zu Wildunfallpräventionsmaßnahmen. Mit verschiedenen Fachpersonen aus den Bereichen der Wild- und der Verkehrsunfallanalyse wurde die Präventionsmaßnahmen aus diesem Katalog diskutiert und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit eine Auswahl getroffen. Damit liegen erstmalig Maßnahmen zur Prävention von Wildunfällen, aufbereitet für den Maßnahmenkatalog gegen Unfallhäufungen, vor und sollen zukünftig die Unfallkommissionen bei ihrer Tätigkeit unterstützen.
Wichtigkeitsdiagramm mit den Modellergebnissen. Auf der y-Achse absteigend sortieren sind die Variablen nach Einflussstärke auf die Entstehung einer Wildunfallstrecke dargestellt. Die Einflussstärke jeder Variable ist mit einem schwarzen Punkt versehen. Auf der x-Achse wird die Einflussstärke auf die Entstehung von Wildunfallstrecken dargestellt. Je weiter ein Punkt nach rechts auf der x-Achse verschoben ist, desto größer ist die Einflussstärke der Variable. (Grafik: FVA BW/Heeres)
Darstellung der Verkehrsstärke in DTV auf die Wahrscheinlichkeit der Entstehung einer Wildunfallstrecke. Es wird die mittlere Wahrscheinlichkeit der Entstehung einer Wildunfallstrecke zur DTV mit schwarzer Linie dargestellt. Die gestrichelten Linien geben dabei das untere und obere Konfidenzintervall, also den Bereich, in dem die Wahrscheinlichkeit mit 95 % Sicherheit liegt, an. Die schwarzen Striche im oberen Bereich des Ergebnisplots markieren die eingeflossenen Wildunfallstrecken mit der jeweiligen DTV, während die roten Striche die stetigen Wildunfallstrecken markieren. Die schwarzen Striche im unteren Bereich des Ergebnisplots stellen die Anzahl Vergleichsstrecken mit der jeweiligen DTV dar. (Grafik: FVA BW/Heeres)