Wildunfallfaktoren
Wildunfälle folgen zeitlichen Mustern und treten bei bestimmten örtlichen Bedingungen, einem Wirkungsgefüge von wildunfallrelevanten Umgebungsfaktoren sowie Charakteristika der Straßeninfrastruktur, häufiger auf.
Zusammenhänge einzelner Faktoren mit der Wildunfallwahrscheinlichkeit wissenschaftlich zu belegen ist durch die Komplexität der vielen Einflussgrößen im Wirkungsgefüge bei Wildunfällen besonders herausfordernd. Auf der einen Seite beeinflussen Fahrverhalten und Straßencharakteristik das Geschehen eines Wildunfalls und auf der anderen Seite das Wildtier selbst. Artspezifisches Tierverhalten bis hin zu Tierverhalten auf der Ebene des Individuums spielen bei der Entstehung eines Wildunfalls eine wichtige Rolle, aber auch Jahreszeiten, Uhrzeiten und Witterung. Darüber hinaus hat sowohl die direkte Straßenumgebung sowie die Landbedeckung und -nutzung, bspw. Maisanbau und Waldflächen, Einfluss auf die Wildunfallwahrscheinlichkeit. In bestimmten Landnutzungstypen halten sich Wildtiere häufiger auf, aber diese können auch das Sichtverhältnis für Verkehrsteilnehmende beeinflussen.
Der Arbeitsbereich verfolgt mehrere Fragestellungen:
- Einfluss der Straßeninfrastruktur und Verkehrsstärken auf das Wildunfallrisiko?
- Welches Wildtierverhalten führt zu einem höheren Wildunfallrisiko?
- Welchen Einfluss haben Feldfrüchte auf das Wildunfallrisiko?
Straßeninfrastruktur und Verkehrsstärken
Das Risiko von Wildunfällen wird maßgeblich durch die Gestaltung der Straßeninfrastruktur sowie deren Nutzung durch die Verkehrsteilnehmenden beeinflusst. Neben baulichen Faktoren wie Straßenbreite, Zäunen oder Fahrbahntrennungen spiele insbesondere Verkehrsmengen und Fahrgeschwindigkeiten eine zentrale Rolle.
Hohe Geschwindigkeiten erhöhen die Wahrscheinlichkeit schwerer Kollisionen, während stark befahrene Straßen für viele Tierarten eine Barriere darstellen können, die Querungen erschwert oder ganz verhindert. Neuere Studien des Arbeitsbereichs zeigen jedoch, dass der Zusammenhang zwischen Verkehrsaufkommen und Wildunfallrisiko komplexer ist als lange angenommen (Heeres et al. 2025). Während frühere Arbeiten meist mit durchschnittlichen Tagesverkehrsstärken arbeiteten, verdeutlichen aktuelle Analysen auf Basis von stündlichen Verkehrsdaten, dass Wildunfälle besonders häufig in Zeiträumen mit geringer mit mittlere Verkehrsstärke auftreten – etwas nachts oder in den Randzeiten des Berufsverkehrs. In Phasen sehr hoher Verkehrsdichten, wie während der Hauptverkehrszeiten, sinkt dagegen das Unfallrisiko, weil dann Tiere Straßenquerungen vermutlich stärker meiden. Diese Erkenntnisse unterstreichen, dass nicht nur die Menge des Verkehrs, sondern auch dessen zeitliche Verteilung entscheidend ist und bei der Planung wirksamer Maßnahmen zur Reduktion von Wildunfällen berücksichtig werden sollte.
Weitere Informationen in der Fachveröffentlichung. Der Projektbericht befindet sich im Veröffentlichungsprozess.
FVA BW/BriegerDurch Fahrzeuge getöteter Fuchs auf einer Autobahn. Im Gegensatz von Schutzplanken, die eine gewisse Durchlässigkeit für Wildtiere besitzen, stellen Betonschutzwände am Mittelstreifen eine totale Barriere dar, und Wildtiere dem Verkehr nicht entkommen können. (Bild: FVA BW/Brieger)

Visualisierung der Schwankungen der relativen Intensität des Verkehrsaufkommens (orange) und der Wildtierbewegungen (blau; unter der Annahme einer dämmerungsaktiven Art) im Tagesverlauf. Das Risiko von Wildunfällen ist voraussichtlich am höchsten, wenn beide Faktoren ihren Höhepunkt erreichen. (Grafik: FVA BW/Heeres)
Wildtierverhalten im Straßenverkehr
Viele Wildtiere müssen Straßen überwinden, um Nahrung zu finden, sich fortzupflanzen oder neue Lebensräume zu erschließen. Nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse liegen dagegen zum Verhalten von Wildtieren gegenüber Straßenverkehr vor. Der Arbeitsbereich hat sich im Rahmen eines Projektes zur Wirkung von Wildwarnreflektoren auf Wildtiere auch dieser Frage gewidmet.
An 14 repräsentativ über Baden-Württemberg verteilten Straßenabschnitten wurde das Verhalten von Wildtieren am Straßenrand mit sieben Wärmebildkameras der Firma Axis GmbH über 6 Monate untersucht. Aus diesem Zeitraum wurden alle Ereignisse mit Rehen, Füchsen und Wildschweinen mit einem maximalen Abstand von 5 m zur Straße analysiert. Der Fokus lag der Untersuchung lag dabei auf dem Verhalten der Tiere vor Eintreffen eines Fahrzeugs und ihrer Reaktion auf das vorbeifahrende Fahrzeug. Insgesamt konnten 2.841 Tier-Fahrzeug-Ereignissen analysiert werden. Davon entfielen 1.960 Ereignisse auf Rehe, 696 auf Füchse und 185 auf Wildschweine. Aussagen zu Wildschweinen war aufgrund der geringen Anzahl der Beobachtungen nicht möglich.
Rehe reagierten am häufigsten mit einer kurzen Bewegungsänderung auf herannahende Fahrzeuge, um dann wieder das ursprüngliche Verhalten am Straßenrand weiterzuführen. Sie reagierten im Vergleich zu Füchsen stärker bzw. sensibler auf Fahrzeuge, in dem sie am häufigsten kurze Bewegungsänderungen durchführten oder von der Straße flüchteten. Füchse dagegen ließen am häufigsten überhaupt keine Reaktion auf herannahende Fahrzeuge erkennen. Wenn, dann zeigten sie kurzfristige Bewegungsänderungen, in dem sie sich kurz von der Straße entfernten, um dann nach dem Vorbeifahren des Fahrzeugs wieder zurück zur Straße zu laufen und das Verhalten vor Eintreffen des Fahrzeugs wieder fortzuführen. Darüber hinaus zeigten Rehe im Vergleich zu Füchsen grundsätzlich ein positiveres Verhalten, d.h. ein abnehmendes wildunfall-gefährdendes Verhalten auf Fahrzeuge. Rehe bewegten sich tendenziell eher vom Fahrbahnrand weg, wenn sich ein Fahrzeug näherte als Füchse. Diese zeigten eine Art neutrales, wildunfallgefährdendes Verhalten. Großvolumige Fahrzeuge, wie Lastkraftwagen oder Busse, führten bei Rehen und Füchsen zu stärkeren Verhaltensreaktionen wie Personenkraftwagen.
Weitere Informationen in der Fachveröffentlichung und im Projektbericht "Wirkung von Wildwarnreflektoren auf das Wildtierverhalten".

Ergebnis der Verhaltensreaktionen von Rehen und Füchsen auf Personenkraftwagen im Vergleich zu großvolumigen Fahrzeugen, wie Lastkraftwagen oder Busse. Es wurde das Verhalten bevor ein Fahrzeug eintraf in drei Klassen eingeteilt (keine Änderung, Gerichtete Änderung und ungerichtete Änderung) und dann die Verhaltensänderung je Klasse in vier Reaktionsarten unterschieden (keine Änderung, Wachsamkeit, kurze Bewegung und Flucht). (Grafik: FVA BW/Brieger)
Einfluss von Feldfrüchten
Die Landnutzung entlang von Straßen in Form von Wald oder Landwirtschaft hat einen großen Einfluss auf das Wildunfallgeschehen. Eine Untersuchung der Auswirkung von unterschiedlichen Feldfrüchten war aufgrund fehlender Datengrundlage bisher nicht möglich. Durch die digitale Erfassung der Hauptkulturen auf Agrarflächen ist es erstmals möglich, den Einfluss von Feldfrüchten auf das Wildunfallgeschehen zu untersuchen. Die Fragestellung wurde in einem ersten Schritt in einer Masterarbeit untersucht (Bouvier, A., 2025) und ist im VWJD Tagungsband 2025 veröffentlicht (Märtz et al. 2015).
Da in Deutschland Rehe (Capreolus capreolus) die am häufigsten von Wildunfällen betroffene Tierart der größeren Säugetiere sind, wurde der Fokus auf dieser Art gelegt. In der Analyse wurden 21.906 polizeiliche Wildunfalldaten der Jahre 2021 und 2022 mit einer vergleichbaren Anzahl zufällig erstellter Kontrollpunkte verglichen. Für die Analyse wurde die Feldfrucht bzw. Kulturart berechnet, die den größten Teil des Umkreises von 100 m bzw. 200 m um den Datenpunkt einnahm. Ein Vergleich der Punkte zeigte ein erhöhtes Risiko für Wildunfälle an Flächen mit Getreide (v.a. Winterweichweizen) oder Ackerfutter (v.a. Silage Mais). Flächen der Kulturart Dauergrünland zeigten hingegen ein geringeres Risiko. Die Ergebnisse der statistischen Analyse zeigten einen signifikanten Einfluss der Feldfruchthöhe, wobei das Risiko eines Wildunfalls mit zunehmender Höhe ansteigt. Ein Einfluss der Nahrungsqualität, in Form des Rohproteinwertes, konnte nicht festgestellt werden.
Die Analysen werden mit neuen Agrardaten der Jahre 2023-2025 wiederholt, um detaillierte Aussagen treffen zu können.



