Wirkung von Wildwarnreflektoren auf das Wildtierverhalten am Straßenrand

In Baden-Württemberg stirbt im Durchschnitt alle 20 Minuten ein größeres Säugetier durch Straßenverkehr, in Deutschland sogar alle 90 Sekunden! Das entspricht für Baden-Württemberg rund 26.000 Wildunfällen, im Bundesgebiet 295.000 Wildunfällen - ein neues Rekordhoch in 2019. Weil viele Wildunfälle nicht gemeldet werden, wird die Dunkelziffer sogar auf 1 Mio. Tiere geschätzt. Gleichzeitig stieg die Summe für Fahrzeugschäden in Deutschland auf einen ebenfalls neuen Höchststand auf 885 Mio. Euro.

Wildwarnreflektoren werden seit rund 60 Jahren eingesetzt, um Wildunfälle zu reduzieren und kommen als Präventionsmaßnahme in der Jägerschaft am häufigsten zur Anwendung. Ziel ist nicht die Verhinderung von Straßenquerungen von Wildtieren (vor allem Rehen), sondern die Beeinflussung des Verhaltens der Tiere, so dass Wildunfälle vermieden werden. Besonders blaue Reflektoren sollen laut Hersteller aufgrund ihrer „Warn“-Farbe Wildunfälle wirksam vermeiden. Die Ergebnisse des ersten FVA-Wildunfallpräventionsprojektes 2010-2014 mit Fokus auf der Wirkung von blauen Wildwarnreflektoren auf Rehe zeigten keinen Effekt auf Rehe und blieben u.a. beim Denzlinger Wildtierforum 2015 umstritten. Die kontroversen Diskussionen zeigten, dass Wildwarnreflektoren nach Meinung von Teilen der Jägerschaft entgegen der Projektergebnisse doch zur Wildunfallvermeidung beitragen. Um dem Widerspruch nachzugehen, wurde ein zweites Projekt durchgeführt, dass Anfang 2021 abgeschlossen wurde. Dieses bestand aus drei Untersuchungsschwerpunkten:

Die Erfassung der Straßenabschnitte, die mit Wildwarnreflektoren ausgestattet sind, erfolgte mithilfe der Straßenmeistereien der jeweiligen Land- und Stadtkreise Baden-Württembergs. Alle 44 Land- und Stadtkreise Baden-Württembergs konnten für die Erfassung gewonnen werden. Nach Rücklauf aus den Kreisen erfolgte die Digitalisierung und Auswertung der Abschnitte. Die Gesamtlänge der Straßenabschnitte, die Stand 2019 mit Wildwarnreflektoren ausgestattet sind, betrug demnach 2.631 km. Daraus ergeben sich für Baden-Württemberg rund 100.000 montierte Wildwarnreflektoren für alle Bundes-, Land- und Kreisstraßen. Gemeindestraßen konnten nicht erfasst werden, da diese nicht vom Straßenbetrieb betreut werden. Das Gemeindenetz entspricht noch einmal der Länge aller Bundes-, Land- und Kreisstraßen Baden-Württembergs, weshalb die Gesamtmenge an Wildwarnreflektoren um ein Vielfaches höher liegt. Mit 63% ist der blaue Halbkreisreflektor am häufigsten vertreten. Mit Abstand folgt der Reflektor der Firma Beilharz in blau, weiß oder rot (insgesamt 18%). Weitere Modelle, wie der Multi-Wildschutz-Warner oder Wildhüter24, spielen in Baden-Württemberg kaum eine Rolle. Die durchschnittliche Länge der Straßenabschnitte mit Reflektoren beträgt 1120m; im Kreis Calw sind mehr als 25% der Straßenabschnitte mit Reflektoren ausgestattet. Weitere Ergebnisse sind im detaillierten Abschlussbericht des Projekts zu finden.

Die Wirkung von Wildwarnreflektoren auf das Verhalten von Wildtieren wurde an 14 repräsentativ über Baden-Württemberg verteilten Straßenabschnitten zwischen Juli 2018 und Juni 2019 untersucht. Hierfür wurden sieben stationäre Wärmebildkameras genutzt, um das Verhalten von Wildtieren am Straßenrand zu dokumentieren.

Jeder Straßenabschnitt wurde sechs Monate überwacht und aus diesem Zeitraum alle Ereignisse mit Rehen, Füchsen und Wildschweinen mit einem maximalen Abstand von 5m zur Straße analysiert. Voraussetzung war, dass ein Fahrzeug am Tier, das sich innerhalb der Distanz von 5m zur Straße befand, vorbeifuhr. Der Fokus lag auf dem Verhalten der Tiere vor Eintreffen eines Fahrzeugs und ihrer Reaktion auf das vorbeifahrende Fahrzeug unter Berücksichtigung einer Beeinflussung des Wildtierverhaltens durch die Wildwarnreflektoren. Innerhalb der sechs Monate gab es pro Straßenabschnitt Zeiträume, in denen neben montierten Reflektoren auch keine Reflektoren montiert waren sowie Zeiträume, in denen Reflektoren in Kombination mit Fähnchen an den Straßenleitpfosten befestigt wurden. Beide Zeiträume dienten als Kontrolle im Rahmen der Datenauswertung. Den Fähnchen lag die Vermutung zugrunde, dass Wild durch die Bewegungen der Fähnchen stärker beeinflusst wird und intensiver reagiert.

An den 14 Straßenabschnitten wurden 28.383 Stunden Videomaterial zusammengetragen. Nach mühevoller und zeitaufwendiger Bearbeitung des Videomaterials konnten 2.841 Tier-Fahrzeug-Ereignisse herausgefiltert werden. Davon entfielen 1.960 Ereignisse auf Rehe, 696 auf Füchse und 185 auf Wildschweine. Bei Letzteren war die Anzahl an Daten zu gering, um die Wirkung von Wildwarnreflektoren valide zu analysieren. Während an manchen Straßenabschnitten kaum Wildaktivität festgestellt werden konnte, wurden an anderen Abschnitten für denselben Zeitraum bis zu 700 Tier-Fahrzeug-Ereignisse dokumentiert.

Rehe zeigten beim Vorbeifahren von Fahrzeugen am häufigsten ein Verhalten mit einer kurzen Bewegungsänderung weg von der Straße, um dann zurückzukehren und wieder das ursprüngliche Verhalten am Straßenrand weiterzuführen. Sie reagierten im Vergleich zu Füchsen stärker bzw. sensibler auf Fahrzeuge, in dem sie am häufigsten entweder sich von der Straße langsam wegbewegten oder flüchteten. Füchse dagegen ließen hauptsächlich keine Reaktionen auf herannahende Fahrzeuge erkennen. Wenn, dann zeigten sie kurzfristige Bewegungsänderungen, in dem sie sich von der Straße kurz entfernten, um dann nach Vorbeifahren des Fahrzeugs wieder zurück zur Straße zu laufen und das Verhalten fortzuführen, das sie vor Eintreffen des Fahrzeugs zeigten.

Weder bei Rehen noch bei Füchsen konnte ein Einfluss der Wildwarnreflektoren auf deren Verhalten festgestellt werden und es spielte keine Rolle, ob an den Straßenabschnitten Reflektoren montiert waren oder nicht. Die Tiere zeigten in den drei zuvor genannten Untersuchungszeiträumen immer ein ähnliches Verhalten und ähnliche Reaktionen auf eintreffende Fahrzeuge. Die Kombination aus Wildwarnreflektoren und Fähnchen führte auch nicht dazu, dass Rehe und Füchse stärker auf herannahende Fahrzeuge, z.B. mit stärkerer Aufmerksamkeit oder häufigerem fliehen reagierten.

Um die Verkehrssicherheit zu verbessern und Wildunfälle nachhaltig zu reduzieren, ist eine Zusammenarbeit verschiedener Ministerien und Verbänden Baden-Württembergs notwendig. Am 22. Oktober 2020 wurde der Arbeitskreis „Verkehrssicherheit & Wildtiere“ initiiert, der sich aus Vertreterinnen und Vertretern des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, dem Innenministerium, dem Verkehrsministerium, dem Landesjagdverband Baden-Württemberg und der FVA zusammensetzt. Der Arbeitskreis hat die Aufgabe, neue Lösungsansätze und Strategien in der Wildunfallprävention sowie eine nachhaltige Dokumentation von Wildunfällen in den nächsten Jahren zu entwickeln, um langfristig die Verkehrssicherheit zu verbessern und Wildtierverluste durch Straßenmortalität zu reduzieren. Mit diesem Ansatz schlägt Baden-Württemberg einen neuen Weg in der Wildunfallprävention ein.

Wie geht es weiter?

Bisher wird die Verantwortung für Wildunfälle häufig hierarchisch heruntergebrochen und an die Jägerinnen und Jägern weitergeschoben. Diese greifen häufig zu Wildwarnreflektoren, da diese seitens der Hersteller mit einer hohen Wirkung beworben werden. Die Untersuchungsergebnisse zeigen aber, dass Wildwarnreflektoren keine geeignete Präventionsmaßnahme sind, um das Verhalten von Wildtieren gezielt zu beeinflussen und Wildunfälle zu reduzieren. Mit Blick auf eine nachhaltige Wildunfallprävention wäre es zielführender, die Verantwortlichkeiten im Rahmen der Wildunfallprävention zu teilen, da die Reduzierung von Wildunfällen nur im Austausch mit einer Vielzahl an Akteuren gemeinsam erreicht werden kann. Mit dem Arbeitskreis „Verkehrssicherheit & Wildtiere“ wird dieser Punkt aufgegriffen. Geplant ist, dass in Modellregionen unterschiedliche Akteure zusammenkommen sollen und gemeinschaftlich nach Lösungen in der Wildunfallprävention gesucht wird. Hierzu zählt auch die Erprobung unterschiedlicher Präventionsmaßnahmen.

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